Dynamik

Nähekluft

Ein Unterschied im Bedürfnis nach Nähe und Kontakt. Die eine Person kann sich von Kontakt bedrängt fühlen, die andere weniger gesehen.

In den meisten Beziehungen hat eine Person ein etwas größeres Bedürfnis nach Nähe als die andere. Das ist selten ein Problem an sich. Es wird eines, wenn der Unterschied anfängt wehzutun: Wer Kontakt sucht, kann sich abgelehnt fühlen, und wer Raum braucht, kann sich bedrängt fühlen. Beide erleben es richtig — und keine:r von euch ist falsch gestrickt.

So läuft die Schleife

Die Person, die Nähe suchtgeht auf Kontakt zu
Die Person, die Raum suchtzieht sich zurück, um Luft zu bekommen
Je mehr die eine Person Nähe sucht, desto mehr zieht sich die andere zurück, um Raum zu bekommen — und je mehr sich die andere zurückzieht, desto mehr sucht die eine. Das sind zwei verschiedene Bedürfnisse, nicht zwei verschiedene Stufen von Liebe.

So sieht es aus

Es zeigt sich selten als großes Gespräch über Nähe. Eher als eine kleine Schieflage, die sich wiederholt: Die eine wollte gerade dort näher heran, die andere brauchte Luft.

  • Eine:r von euch erlebt sich oft als die Person, die zuerst auf den anderen zugeht.
  • Die andere kann sich bedrängt fühlen, wenn der Kontakt zu einem Zeitpunkt kommt, der nicht passt.
  • Initiative zu Nähe — ein Gespräch, eine Umarmung, Sex — wird zu einem wunden Punkt.
  • Ihr deutet den Unterschied als Mangel an Liebe, obwohl es um verschiedene Bedürfnisse geht.
Weg heraus

Ein allgemeiner Weg heraus

Die Kluft schließt sich nicht dadurch, dass eine:r recht bekommt, sondern indem ihr beide Bedürfnisse legitim macht — und einen Rhythmus mit Kontakt und Raum findet.

  1. 1

    Benennt das Bedürfnis ohne Vorwurf: "Ich brauche etwas Zeit zu zweit" statt "du bist nie präsent".

  2. 2

    Wer Raum sucht: gib ein kleines Zeichen, dass der Rückzug keine Ablehnung ist und dass du zurückkommst.

  3. 3

    Vereinbart Nähe, auf die ihr euch beide freuen könnt — ein fester Moment am Tag zählt mehr als große, erzwungene Nähe ab und zu.

Häufige Fragen

Nein. Ein Unterschied im Bedürfnis nach Nähe besteht in den meisten Beziehungen — er ist die Regel, nicht die Ausnahme. Entscheidend ist nicht, ob ihr gleich seid, sondern ob ihr den Unterschied aushalten könnt, ohne ihn zur Frage der Liebe zu machen. Wenn beide Bedürfnisse legitim werden, hört die Person, die Raum sucht, auf, sich bedrängt zu fühlen, und die Person, die Nähe sucht, hört auf, sich abgelehnt zu fühlen.

Weil der Körper nicht sofort unterscheidet. Wenn man auf jemanden zugeht und auf Rückzug stößt, registriert das Bindungssystem das als kleinen Verlust von Kontakt — auch wenn es gar nicht so gemeint war. Deshalb hilft ein kleines Zeichen so sehr: "Ich brauche etwas Luft, aber ich bin da, und ich komme zurück." Es sagt dem Körper, dass die Verbindung nicht weg ist.

Oft gibt es eine Tendenz — wer das größere Bedürfnis nach Kontakt hat, geht meist zuerst auf den anderen zu, wer das größere Bedürfnis nach Ruhe hat, zieht sich zurück. Aber die Rollen sind nicht fest. Sie können mit dem Thema wechseln und damit, was gerade im Leben passiert, und sie sind nicht durch das Geschlecht bestimmt. Wichtig ist nicht, wer welche Rolle hat, sondern dass ihr beide die Kluft selbst erkennen könnt, damit sie euch nicht steuert.

Seid das ihr?

Du kannst die Kluft hier wiedererkennen. Aber wer bei euch was sucht — und welcher Rhythmus konkret sowohl Kontakt als auch Raum gibt — können nur eure eigenen Antworten zeigen. Es beginnt mit dem kostenlosen Test.

Geschrieben und fachlich geprüft von Thomas Silkjær, Gründer von SAMRUMZuletzt aktualisiert