Muster-Bibliothek
Ein Muster ist keine Person. Es ist das, was zwischen zwei Menschen passiert, wenn ihre Reaktionen einander wiederholen – meist als Schleife, in der der Zug der einen Person den der anderen auslöst und umgekehrt. Hier sammeln wir die Dynamiken, die am häufigsten in Paarbeziehungen, zwischen Eltern und Teenager und zwischen Geschwistern auftauchen.
SAMRUM beschreibt Dynamiken und Tendenzen, keine Typen. Du bist kein Muster – ihr könnt eines haben, und ihr könnt es beeinflussen.
Geschrieben von Thomas Silkjær, Gründer von SAMRUMZuletzt aktualisiert
Muster
Das hier ist eine Auswahl. In einem SAMRUM-Bericht suchen wir nach über 70 Mustern in euren Beziehungen – hier haben wir einige der wiedererkennbarsten zusammengestellt.
Paare
Verfolger:in und Rückzieher:in
Eine Person sucht stärker das Gespräch und den Kontakt, die andere zieht sich eher zuerst zurück. Beide Reaktionen verstärken einander.
Fachbegriff: Verfolger–Rückzug (Pursue–Withdraw / Demand–Withdraw)
Ungleiche Lastenverteilung
Eine Person bleibt länger an den Aufgaben des Alltags, die andere lässt schneller los. Das kann Frust bei der ausdauernderen Seite und Schuldgefühle bei der anderen hervorrufen.
Fachbegriff: Ungleiche Mental Load (Mental load / Second Shift)
Nähekluft
Ein Unterschied im Bedürfnis nach Nähe und Kontakt. Die eine Person kann sich von Kontakt bedrängt fühlen, die andere weniger gesehen.
Fachbegriff: Bindungsbasierte Nähelücke (EFT / attachment)
Festgefahrener Konflikt
Wenn niemand die Initiative zur Versöhnung ergreift, können Konflikte „einfrieren“ und ungelöste Spannungen hinterlassen.
Fachbegriff: Festgefahrener Konflikt (Gridlocked / perpetual problems)
Ihr findet zueinander zurück
Beide Seiten sind aktiv darin, sich nach Meinungsverschiedenheiten wieder anzunähern. Es ist nicht so, dass ihr nie streitet – ihr greift beide danach wieder zueinander. Das gibt der Beziehung etwas, worauf sie landen kann, auch nach schwierigen Gesprächen.
Fachbegriff: Reparaturversuche (Repair attempts), Stärke
Eltern und Teenager
Schnelle Eskalation
Wenn beide – Teenager:in und Elternteil – schnell und intensiv reagieren und mindestens eine Person Schwierigkeiten hat, ruhig zu bleiben, eskalieren kleine Meinungsverschiedenheiten schnell.
Fachbegriff: Negative Reziprozität / Eskalation (Negative reciprocity)
Ringen um Selbstständigkeit
Teenager:innen brauchen Eigenständigkeit. Das kann zu einem festgefahrenen Ringen werden, wenn Eltern es als Ablehnung erleben.
Fachbegriff: Autonomieentwicklung (Social-cognitive domain theory)
Kommunikationskluft
Eltern und Teenager:in haben gegensätzliche Bedürfnisse beim Kontakt. Eltern suchen meist mehr direktes Gespräch, während die Jugendliche sich zurückzieht. Je stärker das Gespräch gedrängt wird, desto weniger freiwilliges Erzählen kann entstehen.
Fachbegriff: Freiwilliges Mitteilen vs. Ausfragen (Disclosure > solicitation)
Nähe-Entzug
Eltern suchen Nähe, die Jugendliche zieht sich zurück. Eltern erleben das als Ablehnung, die Teenager:in als Eindringen in die eigene Selbstständigkeit.
Fachbegriff: Verfolger–Rückzug, Eltern–Teen (Pursue–Withdraw)
Unterschiedliche Lautstärke
Eltern und Teenager:in reagieren unterschiedlich stark – die eine Seite schnell und intensiv, die andere ruhiger. Die ruhige Seite kann gleichgültig wirken und die intensive zu heftig – ohne dass eines davon stimmt.
Fachbegriff: Intensitäts-Mismatch in der Adoleszenz (Goodness of fit)
Eltern und Kinder
Zwei Linien in der Erziehung
Ihr habt deutlich unterschiedliche Bedürfnisse nach Struktur und Rahmen rund um die Kinder. Die eine Seite lehnt zu festen Absprachen und klaren Regeln, die andere zu Flexibilität und situativer Einschätzung. Das kann es Kindern schwer machen zu wissen, was gilt – und euch zwei, sich als Team zu erleben.
Fachbegriff: Einigkeit über Erziehung (Coparenting agreement)
Struktur-Zusammenstoß
Eltern und Kind haben unterschiedliche Bedürfnisse nach Struktur. Übergänge im Alltag werden oft zu Reibungspunkten, weil der Rahmen für beide nicht auf die gleiche Weise passt.
Fachbegriff: Struktur-Mismatch / Scaffolding (ZPD)
Ein sicherer Ausgangspunkt
Eltern und Kind zeigen beide ein hohes Maß an Wärme und Kontaktsuche. Das Kind kann zur Elternperson zurückkehren, um Sicherheit zu spüren, und traut sich, sich zu entfernen, um zu erkunden.
Fachbegriff: Sichere Basis (Secure base, attachment)
Geschwister
Gerechtigkeitskampf
Geschwister mit hohem Fairness-Filter merken oft, ob sich Dinge „fair“ anfühlen.
Fachbegriff: Geschwisterrivalität / Gerechtigkeit (Sibling rivalry)
Eskalationsschleife unter Geschwistern
Wenn das eine Geschwister hochfährt, antwortet das andere darauf, und der Konflikt nimmt Fahrt auf. Kleine Meinungsverschiedenheiten werden schnell zur gegenseitigen Eskalation, die mitten drin schwer zu stoppen ist.
Fachbegriff: Zwangszyklus (Coercion cycle, Patterson)
Patchwork-Familie
Rollen in der Patchwork-Familie
In Patchwork-Familien müssen Rollen sich oft mit der Zeit finden. Der leibliche Elternteil steht meist natürlicher in der Autorität, während die Bonus-Elternperson leichter am Rand der Beziehung landen kann (Papernow).
Fachbegriff: Insider–Outsider, Stieffamilie (Insider–outsider / stepfamily)
Aufeinanderprallende Regelwerke
Bonus-Elternteil und Bonuskind haben unterschiedliche Erwartungen an Struktur und Regeln. Das Kind bringt eingeprägte Regeln aus einem anderen Zuhause mit.
Fachbegriff: Autoritäts-/Loyalitätskonflikt, Stieffamilie (Stepfamily authority/loyalty)
Die Verbindung, die ihr aufgebaut habt
Ihr bringt beide Wärme und Kontaktsuche in die Beziehung – in einer Familienform, in der diese Verbindung nicht von selbst entsteht, sondern über Zeit aufgebaut wird. Bei euch ist das gelungen.
Fachbegriff: Affinitätsaufbau in der Stieffamilie (Stepfamily affinity)
Seid das ihr?
Eine Bibliothek kann euch die Sprache geben. Ob ein Muster zwischen euch läuft – und wo ihr dann ansetzen solltet – können nur eure eigenen Antworten zeigen. Es beginnt mit dem kostenlosen Test.